Als ich vor einiger Zeit einmal ins Tram einstieg, kam mir ein ziemlich widerlicher Geruch entgegen. Auf der einen Tramseite war ein Fenster geöffnet, ich wollte auch auf der anderen Seite ein Fenster öffnen, um dem Durchzug die Chance zu geben den Gestank fortzublasen, doch mein Vorhaben scheiterte an den Protesten der Mitfahrenden. Ich verstand erst viel später, womit ich’s damals zu tun hatte: Propuh.

Propuh lässt sich übersetzten mit Zugluft oder Durchzug und propuh ist gefährlich. Sehr gefährlich sogar! Denn der Propuh überträgt Krankheiten. Ohrenschmerzen, Erkältungen, Augenentzündungen, Kopfschmerzen, praktisch für jedes Leiden wird dieser Windstoss – und sei er noch so klein – verantwortlich gemacht. Einige glauben sogar, dass die Zugluft die Gesichts- oder Nackenmuskeln erstarren lässt! Ich wollt das am Anfang ja alles nicht glauben, doch meine nachfolgenden Erfahrungen überzeugten mich: Die Menschen hier haben echt Angst vor dem Propuh! Vielleicht nicht alle, aber sehr, sehr viele: Meine Mitbewohnerin rennt sofort zum nächsten Fenster oder zur nächsten Türe, wenn ein Fenster offen ist und die Haustür aufgeht. Eine Kollegin erzählte mir, sie hätte Mühe den Kopf zu drehen, wenn ihre Schüler Fenster und Türe im Klassenzimmer gleichzeitig offen liessen. Eine andere Kollegin ist Verkäuferin und hat sich im Laden angeblich wegen dem Propuh eine Mittelohrenentzündung zugezogen. Sogar der Arzt habe als Ursache in der Krankenakte vermerkt: Propuh!

Ganz gefährlich wird es, wenn man sich mit nassen Haaren dem Propuh aussetzt. Und die Haare brauchen mindestens 4 Stunden zum Trocknen! Selbt nach dem Föhnen geht man für einige Stunden nicht aus dem Haus.

Vor kurzem sass ich wiedereinmal im Tram, und zwar in einem alten Wiener Tram (sogar die Werbung war noch von Wien), da sah ich folgende Aufschrift am Fenster (rechtes Bild, zum Vergrössern anklicken):

Da hat sich dieses alte Wiener Tram also an den richtigen Ort verirrt!

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(Aussprachehinweis zum Lesen dieses Artikels: š = sch, z = stimmhaftes s, c = z, h = feines ch, č = tsch)

Bosnisch/Kroatisch/Serbisch lernen ist gar nicht so schwierig! Kochen tut man mit špinat, špargla oder njoki aus dem špaiz (Speisekammer), dazu gibt es špek oder šnicla, zum Essen braucht man das escajg, dieses sollte auf jeden Fall rostfrej sein. Frauen tragen bluza, šal, mantil und inbesondere hier viel šminka. Kleider mit fleke tut man in die vešmašina und die nasse veš gehört an den štrik (auch für Wäscheständer). Der pekar bäckt kifla (von Gipferl), die šnajderica arbeitet mit štof, der mehaničar repariert den auspuh mit dem šrafciger (Schraubenzieher) und der frizer trocknet die lokne mit dem fen. Und wenn sie alle genug haben, gehen sie mit oder ohne cilj in den štrajk!

Und noch ein paar meiner Lieblings-Verben:

štrikati, glancati (für polieren), pakirati, kontaktirati, kuhati, štrebati (was Streber tun)

Dies nur eine kleine Auswahl von deutschen (und ein paar anderen) Fremdwörtern im hiesigen Sprachgebrauch. Die Germanismen stammen v.a. aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Herrschaft und von den gastarbajtern der neueren Zeit, die viel Vokabular aus ihren Berufen heimgebrachten.

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leere Strassen am Nachmittag vom 1. Mai

Der 1. Mai ist hier ein bedeutender Feiertag, denn er wird als einer der wenigen nicht-religiösen von allen BosnierInnen geteilt. Ein Relikt aus den sozialistischen Zeiten. Doch anders als in der Schweiz ist die Innenstadt von Sarajevo leer. Es ist ein Tag der Ruhe, Arbeiten tut nur, wer unbedingt muss! Allem Anschein nach, halten sich auch die Gewerkschaften daran, denn von Protesten keine Spur. Stattdessen gibt’s Gratis-Busse in die Berge und die Stadt organisiert unter dem offizielle Manifestations-Motto „Hajmo svi u vils“ („Lasst uns alle nach Vils gehen“ – gemeint ist die Flusspromenade Vilsonovo Šetalište) ein fröhliches get-together mit Speis und Trank, Kultur- und Kinderprogramm. Am Abend organisiert die Jugendsektion der Gewerkschaft – ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Stadt – ein Rockkonzert in der städtischen Konzerthalle. Friede, Freude, Eierkuchen also, klar, es gibt bei 40% Arbeitslosigkeit, Mindestlöhne von nicht einmal 300 € im Monat und Korruption bis in die untersten Ränge der Staatsbetriebe, ja auch keinen Grund auf die Strasse zu gehen. Ist dies ebenfalls ein Relikt aus dem Sozialismus?

geschlossens Café im Zentrum

Natürlich gibt’s auch das obligate Feiertagsprogramm, Familienbesuch und Grillen. Und weil hier auch der 2. Mai ein Feiertag ist, (dieses Jahr sogar auch der 3., weil der 1. ein Sonntag war) verbringen viele die Tage in ihrem Vikendica – ihrem Wochenendhäuschen oder an der Küste. Doch heuer dürften die ganzen Aktivitäten mehr oder weniger ins Wasser gefallen sein, denn es hat den ganzen Tag geregnet. Auch mein geplantes Picknick wurde abgesagt, stattdessen habe ich für einen guten Freund Rösti gekocht. Am 2. Mai zeigte sich dann doch noch ein wenig die Sonne, so machten wir uns auf zum Wandern in Prenj, dem Himalaya von Bosnien-Herzegowina.

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Der Berg Trebević erhebt sich südlich über Sarajevo. Während des Krieges war diese strategisch wichtige Position heftig umkämpft und noch heute sind Teile der Berghänge vermint. Vor dem Krieg führte eine Seilbahn vom Stadtteil Bistrik direkt zu einem Bergrestaurant mit Aussichtsterrasse (Bild). Seilbahn und Restaurant wurden im Krieg zerstört und seither nicht wieder aufgebaut. Im Wald unterhalb der ehemaligen Bergstation verbirgt sich die im Krieg ebenfalls beschädigte Bobbahn, welche für die Olympiade 1984 erbaut wurde. Trotz fehlender Infrastruktur ist der Berg Trebević heute wieder ein beliebtes Ausflugsziel. Die Bobbahn wird für Mountainbike-Downhills oder Inline Skate Rennen genutzt, während junge Graffiti-KünstlerInnen die Wände verzieren. Und: Gerüchten zufolge wurde nach langjährigen Gesprächen kürzlich endlich mit dem Wiederaufbau der „Trebević“-Seilbahn begonnen.

(zur Grossansicht Fotos anklicken)

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Vor kurzem bin ich umgezogen, dies sind ein paar Objekte, die ich in meiner neuen Wohnung gefunden habe (die Wohnungen werden hier meistens möbiliert vermietet, in unserem Fall waren die Möbel sogar noch vollgestopft mit Vasen, Büchern, Kleidern, Schuhen, Spielsachen, und anderem unbrauchbaren Zeugs).

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Dobro Došli!

Seit einigen Monaten lebe ich in Sarajevo. Zeit, auf ein paar spannende Momente zurückzuschauen! Deren gibt es genug, bedenkt man alleine die bewegte Geschichte dieser Stadt: Bis 1878 Teil des osmanischen Reiches, danach österreichisch-ungarische Herrschaft, 1914 Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich, ab 1941 Teil des Nazi-Satelliten-Staates Kroatien, ab 1945 Hauptstadt der Republik Bosnien-Herzegowina im sozialistischen Jugoslawien, 1984 Austragungsort der Olympischen Winterspiele, 1992-1995 Belagerung und unter Beschussnahme durch die bosnisch-serbische Armee, seither Hauptstaat des unabhängigen Staates Bosnien-Herzegowina. All diese Ereignisse haben Spuren hinterlassen. Tagtäglich begegne ich diesen Spuren, sie machen mich manchmal stutzi, manchmal, traurig, oft bereiten sie mir Freude oder bringen mich zum Schmunzeln, und fast immer inspirieren sie mich und machen mich noch neugieriger. Mit diesem Blog möchte ich ein paar meiner Eindrücke weitergeben.

Viel Spass!

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